Ein besonderes «Wort zum Sonntag» – die Entstehungsgeschichte
In der Silvesternacht 2025/26 ereignete sich in einer Bar in Crans-Montana VS eine schreckliche Brandkatastrophe. Unzählige Menschen, v.a. sehr junge, starben, unzähliche Menschen wurden schwer verletzt .
In meinem «Wort zum Sonntag» vom 3.1.2026 ging ich auf dieses Unglück ein. Der Einsatzplan für uns Sprecherinnen und Sprecher sah seit über einem Jahr vor, dass ich dann vor die Kamera treten würde. Der Beitrag entstand dann jedoch unter ausserordentlichen Umständen: äusserst kurzfristig – und im Team. Auf dieser Seite möchte ich Ihnen die besondere Entstehungsgeschichte schildern.
Freitag, 19.12.2025
Ich plane für den 3.1.2026 einen einfachen, leichtfüssigen Beitrag zu Neujahr. Da ich über Weihnachten mehrere Gottesdienste gestalte und viele anderweitige Einsätze habe, lasse ich meinen Text bereits heute vom zuständigen Redaktor, Fabio Theus, absegnen. Die Aufzeichnung ist zwar erst für den 2.1.2026 geplant, aber so habe ich über die Festtage ausreichend Luft für meine beruflichen Pflichten und anschliessend mehr Zeit zum Auswendiglernen des Beitrags – so mein Plan.
Donnerstag, 1.1.2026
Die Weihnachtsgottesdienste in meiner Kirchgemeinde sind durch, ebenso das Feiern in der Familie und der Gottesdienst zum Jahresende. Zudem habe ich die Danksagungen im Zusammenhang mit dem Tod meines Vaters formuliert. Eine strenge Zeit, auch emotional. Heute lerne ich meinen Beitrag fürs «Wort zum Sonntag» fertig auswendig und bereite die Textkärtchen vor (für den Fall, dass ich den Text im Studio doch nicht auswendig kann). Angesichts der Nachrichten von der schrecklichen Brandkatastrophe in Crans-Montana, die seit heute früh eintreffen, ahne ich aber, dass ich diesen Beitrag nicht werde aufzeichnen können. Gerade als ich am Abend den fürs «Wort zum Sonntag» zuständigen Redaktor, Fabio Theus, anrufen möchte, um das weitere Vorgehen zu besprechen, ist er es, der das Telefon in die Hand nimmt.
18:03 Uhr
Ich erfahre: Wie vermutet, muss ein neuer Text her! Meine erste Reaktion: Das schaffe ich nicht – und ganz sicher nicht schon bis morgen Freitagnachmittag (geplanter Aufzeichnungstermin)! Fabio und ich überlegen uns, ob allenfalls eine Sprecherkollegin, ein Sprecherkollege einspringen könnte. Je länger ich darüber nachdenke, umso mehr wird mir aber klar: Das «muss» jetzt ich machen! Da ich während des Gesprächs im Auto sitze und meine Tochter bei mir habe, vereinbaren wir, dass wir später wieder telefonieren; ich möchte sie in Ruhe und kindgerecht über die Katastrophe informieren.
18:23 Uhr
Fabio und ich führen das Gespräch fort: Ich bestätige, dass er auf mich zählen kann, frage aber an, ob wir die Aufzeichnung auf den Samstag legen könnten. Dann hätte ich zumindest einen ganzen Tag Zeit zum Verfassen des neuen Textes. Zudem frage ich an, ob wir ausnahmsweise den Teleprompter zum Einsatz bringen können; dieser ist im Studio zwar fix installiert, steht uns bisher aber nicht zur Verfügung. Beides wird Fabio senderintern abklären. Unabhängig davon vereinbaren wir, dass wir später am Abend ein Brainstorming machen, idealerweise mit meiner Sparringpartnerin bei den «Reformierten Medien», Andrea Aebi. Ich werde sie gleich anrufen.
18:36 Uhr
Ich erreiche Andrea. Sie hat heute und morgen zwar frei, sagt aber sofort zu, bei der geplanten Telefonkonferenz mitzumachen und dort ihre Gedanken einzubringen. Ich werde dafür ins Büro fahren, um ungestört reden zu können. Deshalb legen wir den Termin auf 19:30 Uhr.
19:30 Uhr
Brainstorming am Telefon mit Fabio und Andrea. Wir unterhalten uns fast eine Stunde lang über mögliche Ansätze. Ich hole mir bei den beiden das Okay ab, aus der Ich-Perspektive erzählen zu dürfen – ohne unbedarfte Versuche, die Katastrophe theologisch zu deuten oder billigen Trost zuzusprechen. Ich möchte meiner Sprachlosigkeit Ausdruck verleihen, davon ausgehend, dass es vielen Zuschauerinnen und Zuschauern ähnlich geht. Fabio und Andrea bestärken mich in diesem Ansatz. Wir verbleiben so, dass ich mich sogleich ans Schreiben mache und den beiden morgen um 10:30 Uhr einen ersten Entwurf maile, den wir dann um 11 Uhr telefonisch besprechen wollen – noch immer davon ausgehend, dass wir den Beitrag erst am Samstag aufzeichnen werden.
20:40 Uhr
Nach der Reinschrift meiner Notizen fahre ich nach Hause, wo ich meine Tochter ins Bett bringe. Mir steht wahrscheinlich eine Freinacht bevor.
21:15 Uhr
Als meine Tochter eingeschlafen ist, beginne ich auf dem Sofa, meinen neuen Beitrag zu entwerfen. Und schreibe, schreibe, schreibe...
1:30 Uhr
Es wird doch nichts mit der geplanten Freinacht: Mir fallen beinahe die Augen zu. Nach einem letzten, kurzen Hundespaziergang gehe ich gegen 2 Uhr ins Bett. Etwa zwei Drittel des Textes habe ich bis dahin entworfen, auch diese zwei Drittel sind aber noch längst nicht druck- bzw. sprechreif. Trotz Müdigkeit schlafe ich miserabel.
Freitag, 2.1.2026
7:00 Uhr
Da ich weiterhin davon ausgehe, dass ich meinen Beitrag erst am Samstag aufzeichnen werde, habe ich den Wecker erst auf 7 Uhr gestellt. Ich fahre ins Büro, um dort am Text weiterzuarbeiten. Meine Partnerin wird heute und morgen zu meiner Tochter schauen, meine Teilnahme am Geburifest für meine Nichte, für den Samstagnachmittag geplant, sage ich vorsorglich ab; wahrscheinlich bin ich dann im Studio. Statt enttäuscht zu sein, bedankt sich mein Bruder dafür, dass ich nun all meine Zeit und Kraft in diesen neuen Text stecke.
7:50 Uhr
Ich sitze im Büro und schreibe, schreibe, schreibe weiter. Normalerweise brauche ich für meine Texte gut eine Woche fürs Nachdenken, danach eine Woche fürs Formulieren; dieses Mal geht mir das Schreiben immerhin gut von der Hand. Das Adrenalin trägt das Seine dazu bei. Zudem weiss ich: Meine Probleme sind nur «Probleme» – also keine.
9:19 Uhr
Fabio Theus, der zuständige Redaktor, ruft mich mit einem unerfreulichen Update an: Eine Aufzeichnung am Samstag sei aus personellen Gründen nicht machbar. Ich muss also auf jeden Fall schon heute ins Studio: um 14 Uhr Maske, um 15 Uhr Aufzeichnung. Immerhin: Der Teleprompter wird zur Verfügung stehen. Wir vereinbaren, dass ich noch kurz weiterarbeite und dann nach Hause fahre, um mich für die Sendung vorzubereiten: Rasieren, Frisur machen, Tenue einpacken. Das Glücksarmbändeli, das meine Tochter jeweils für mich bastelt, liegt immerhin schon bereit. Wir hatten ja ursprünglich abgemacht, dass Fabio, Andrea und ich um 11 Uhr miteinander den Textentwurf besprechen, der bis dahin vorliegt. Diesen Termin behalten wir bei: Fabio wird dann im Zug nach Zürich sitzen, Andrea (an ihrem freien Tag) zu Hause – und ich im Auto Richtung Fernsehstudio,
9:45 Uhr
Ich schreibe also noch kurz am Text weiter, kürze insbesondere den letzten Teil und verschicke den neu entstandenen Entwurf dann an die beiden Mitwirkenden. Danach fahre ich nach Hause.
10:45 Uhr
Zumindest äusserlich bin ich jetzt vorbereitet. So fahre ich nun los in Richtung Fernsehstudio – erstmals ohne fertigen Text.
11:00 Uhr
Die geplante Telefonkonferenz mit Fabio und Andrea: Beide sind sehr zufrieden mit meinem Entwurf, wir sprechen v.a. über einzelne Formulierungsvarianten (die ich bereits in Fussnoten aufgeschrieben habe) und über den Schluss. Soll ich mich z.B. von den Zuschauerinnen und Zuschauern verabschieden, und wenn ja: mit welchem Gruss? Wir beschliessen, darauf zu verzichten. Zudem überlegen wir uns sorgfältig, wie wohl verschiedene Personengruppen auf meinen Text reagieren könnten. Schliessen wir jemanden aus, drücke ich jemandem, der von der Brandkatastrophe direkt betroffen ist, eine Deutung auf? Das möchte ich natürlich mit allen Mitteln vermeiden.
11:40 Uhr
Ich komme im Parkhaus des Fernsehstudios an und setze mich dann gleich in einen ruhigen Sitzbereich nahe der Cafeteria. Dort, wo ich üblicherweise meinen fixfertigen Text noch einmal memoriere, nehme ich jetzt die unterwegs besprochenen Änderungen vor und arbeite auch sonst noch etwas weiter. Anders, als ich das noch tags zuvor erwartet hätte, bin ich ganz ruhig. Es wird gut kommen. Und noch einmal: Meine Probleme sind nur «Probleme».
12:30 Uhr
Fabio ist mittlerweile ebenfalls eingetroffen und setzt sich zu mir. Wir besprechen noch einmal einzelne Formulierungen, stellen Sätze um, nehmen kleine, aber vielleicht entscheidende Änderungen vor.
13:40 Uhr
Ich gehe in die Maske und frage schüchtern an, ob sie mich schon vor der geplanten Zeit (14 Uhr) schminken könnten. Sie können. Für mich bedeutet das: eine Viertelstunde durchatmen.
14:05 Uhr
Ich kehre zu Fabio zurück, der in der Zwischenzeit mein Dialekt-Skipt für den Teletext ins Hochdeutsche übertragen hat. Nun lese ich meinen neuen Text zum ersten Mal am Stück durch, übe den Ablauf ein wenig. Eine letzte Textänderung (aus «Verwundeten» mache ich «Verletzte»), dann machen wir uns gemeinsam auf den Weg in Richtung Studio.
14:45 Uhr
Fabio und ich treffen im Regieraum ein. Ich werde verkabelt und stelle mich dann relativ rasch vor die Kamera. Die Arbeit mit dem Teleprompter – sowohl für Fabio als auch für mich ein Novum – funktioniert erstaunlich gut, Fabio kann die Geschwindigkeit manuell meinem Sprechtempo anpassen und macht das ausgezeichnet. Die grösste Herausforderung besteht für mich darin, das Abgelesene möglichst wenig abgelesen wirken zu lassen. Und: Der Text ist halt immer noch frisch, ein bisschen Übung ist also nötig. Mit dem vierten oder fünften Versuch sind wir – Fabio, die Regisseurin, der Tontechniker und ich – zufrieden. Normalerweise diskutieren wir anschliessend lange darüber, welchen Titel wir einem Beitrag geben wollen; dieses Mal ist klar, dass wir auf jegliche Spielereien verzichten: «Brandkatastrophe in Crans-Montana».
15:55 Uhr
Fabio und ich umarmen uns. Innert gerade einmal 22 Stunden haben wir, gemeinsam mit Andrea Aebi, einen neuen Beitrag konzipiert, geschrieben, aufgezeichnet. Zu Hause werde ich merken, dass ich in dieser ganzen Zeit überhaupt nichts gegessen habe. Die Betroffenheit von der Katastrophe, die Zusammenarbeit und das Adrenalin haben aber unglaublich viel Energie freigesetzt. Und – ja: auch das Getragensein in einem Geist, den manche von uns den Heiligen nennen. All dies wünsche ich auch den Menschen, an die ich auch in meinem Beitrag denke. Es ist einfach nur traurig.